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Geri Müller – Ein Stadtamman, Nackt-Selfies und das Skandalöse daran

Geri Müller ist Stadtamman der Stadt Baden, Nationalrat der Grünen, Hobby-Nackedei, hat seine Augen meistens auf Halbmast und wird nun als Skandalnudel stigmatisiert. Während die Einen seinen Rücktritt fordern, können die Anderen den Aufschrei nicht nachvollziehen. Warum die Sache eben doch keine Lappalie ist, sondern skandalöse Tendenzen hat, erklärt der folgende Beitrag.

Um den Begriff des „Skandals“ zu erklären, muss allerdings etwas weiter ausgeholt werden. Erst wenn wir nämlich eine grobe Idee davon haben, wie unsere Gesellschaft funktioniert, können wir verstehen, wie Skandale entstehen.

Einfach formunliert können wir sagen, dass unsere Welt auf Normen und Werten basiert, die Ordnung und Sicherheit schaffen. Anders ausgedrückt, in unserem Alltag beruhen unsere Entscheidungen und Handlungen auf stabilen Sachverhalten und stabile soziale Normen. Das heisst, ich muss mich zum Beispiel darauf verlassen können, dass wenn jemand „ja“ sagt, auch dasjenige meint, was die gesellschaftliche Norm als „ja“ definiert. Ich muss mich darauf verlassen können, dass wenn ich einen Politiker wähle, weil dieser vorgibt eine rechte Linie zu fahren, nicht plötzlich eine linke Linie vertritt. Ich muss mich darauf verlassen können, dass wenn ich im Restaurant eine Pizza bestelle, diese nicht vergiftet ist und ich muss mich darauf verlassen können, dass die Sonne morgen noch aufgeht. Soziale Ordnung beruht auf einer gewissen Erwartbarkeit von Handlungen und mit dieser Erwartbarkeit kommt Vertrauen. Wir Vertrauen aber nicht nur Personen, sondern auch Rollenträgern, Institutionen, Organisationen und Teilsystemen (wie die Justiz zum Beispiel).

Wie entstehen Skandale und warum ist Geris Nackt-Selfie-Aktion skandalös?

Sind alle, die Geris Nackt-Selfie-Aktion uncool finden einfach intolerante Moralapostel? Natürlich nicht! Die meisten von uns hätten wahrscheinlich generell nichts gegen nackte Tatsachen, aber bei Geri eben schon. Die Einleitung erklärt, dass Vertrauen jene Essenz ist, die eine soziale Ordnung ermöglicht. Doch was geschieht nun, wenn dieses Vertrauen erschüttert wird? Ganz allgemein findet ein Vertrauensverlust dann statt, wenn eine Erwartungsenttäuschung vorliegt. Genau dies ist hier der Fall.

Wir können Geri Müller leider nicht nur auf die Privatperson Geri Müller reduzieren. Denn er ist auch Nationalrat der Grünen und Stadtamman von Baden. Er ist also eine Person mit einer spezifischen Rollenfunktion. Mit der Rolle des Nationalrates will sich einerseits seine grüne Wählerschaft vertreten fühlen, andererseits will sich die gesamte Schweizer Bevölkerung von einem seriösen Politiker vertreten fühlen. Mit anderen Worten: Als Amtsträger hat die ganze Schweiz eindeutige Erwartungshaltungen an den Politiker Geri Müller. Dass der Politiker Geri Müller und die Privatperson Geri Müller ein und dieselbe Person sind, ist somit irrelevant. Was die Privatperson Geri Müller macht, steht in unmittelbaren Zusammenhang damit, was der Politiker und Volksvertreter Geri Müller macht.

Empörung und Skandale entstehen also wenn das, was erwartet wird, nicht eintrifft. Würden Brad Pitt oder James Franco beim Blüttlen erwischt werden, würden wir dies mehr als begrüssen. Von einem Schauspieler und Sexsymbol erwarten wir Körperkult und wären enttäuscht, wenn keine Nackt-Skandale vorlägen. Einem Politiker vertrauen wir aber die Zukunft unseres Landes und somit die Zukunft unserer Enkel an. Von ihm erwarten wir Verantwortungsbewusstsein, Seriosität und Selbstkontrolle. Es liegt somit eine Erwartungsenttäuschung vor, die das Vertrauen in den Politiker Geri Müller erschüttert hat.

Der langen Rede kurzer Sinn:

Jeder darf von sich Nackt-Selfies machen. Doch der Eine oder Andere muss, je nach Rolle, die er inne hat, dringend ein paar Schritte weiter denken. Die Empörung ist durchaus berechtigt. Diejenigen, die die geschockte Bevölkerung nun als intolerant oder spiessig deklarieren, sollten sich immer ins Gedächtnis rufen, dass Geri Müller Amtsträger und nicht It-Girl ist. Kim Kardashians Neigung zu exhibitionistischem Verhalten empfinden wir sehr wohl als angebracht, weil wir von ihr (fast) nichts anderes Erwarten. Doch Geri Müller spielt nicht auf dem gleichen Spielfeld wie Kim Kardashian.

Ob das Vertrauen wieder aufgebaut werden kann, wird sich zeigen.

 

Bildquelle: „Geri Müller (2007)“ von Unbekannt – http://www.parlament.ch/Poly/Bilder/Photos_Ratsmitglieder/2007-2011/500dpi/ra-nr-mueller-2615-gr.jpg. Über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Geri_M%C3%BCller_(2007).jpg#mediaviewer/Datei:Geri_M%C3%BCller_(2007).jpg

(c)Eugénie