Music was our first love, and it will be our last

Rayneer schaltet auf Standby.

Seit April 2012 ist Rayneer als personalisiertes Musikfernsehen live. In dieser Zeit haben wir hart daran gearbeitet, Dir das beste Music TV der Welt zu bieten. 
Leider gehen auch die schönsten Zeiten einmal zu Ende. Ende August ist unser Startup in ernsthafte finanzielle Turbulenzen geraten, die uns schlussendlich das Genick gebrochen haben. Schweren Herzens sehen wir uns gezwungen, Rayneer heute Abend vorerst auf Standby zu schalten. Konkret bedeutet das, dass Rayneer ab Anfang Oktober 2014 nicht mehr verfügbar sein wird.

Wie geht es nun weiter?

Kurz zusammengefasst: Mit grösster Wahrscheinlichkeit gar nicht. Wir werden heute Abend (30.09.2014) Rayneer offline nehmen und keine Videos mehr streamen und in den nächsten Tagen Konkurs einreichen.

Ein kurzer Rückblick

Ziemlich genau vor vier Jahren – im Sommer 2010 – hatten wir die erste Idee zu einem personalisierten Musikfernsehen. Wir, das waren Ronny Nenniger, der fürs Programmkonzept zuständig war, Yannick Koechlin, der sich als CTO um die Entwicklung gekümmert hat, und ich (Oliver Flueckiger) war als CEO für alles andere verantwortlich. Mit grossem Enthusiasmus haben wir einen Prototypen gebaut, vor Investoren präsentiert, mit der Musikindustrie verhandelt. Im November 2011 hatten wir genügend Geld von Seed-Investoren erhalten, um unser Startup offiziell zu gründen, und Anfangs April 2012 endlich live zu gehen. In einem temporären Büro an der Universität Zürich haben wir mit einem Glas Prosecco in der Hand auf unser Analytics-Tool gestarrt und uns gefreut, wie sich – unmittelbar, nachdem der Blick am Abend gross über den Launch berichtet hat – die Userzahlen mit jeder Minute höher gestiegen sind. Ich erinnere mich gut, wie ich spät abends mit dem Fahrrad durch Zürich gefahren bin, um wenigstens noch ein paar Print-Exemplare der Zeitung aufzutreiben.

Kurz nach dem Launch waren wir unter den Gewinnern des renommierten “Venture” Business Plan-Wettbewerbes, organisiert von McKinsey, Knecht, der ETH Zürich sowie der KTI. Auf dem Dach der ETH kamen wir ins Gespräch mit den VCs der Zürcher Kantonalbank, die sich im Sommer 2012 schnell entschlossen haben, einen grossen Betrag in Rayneer zu investieren. Später hat sich Wilmaa angeschlossen. Die Investoren haben unsere Lizenzverträge mit den Labels auf Herz und Nieren geprüft und Passagen gefunden, die wir nachverhandeln mussten. Diese Verhandlungen haben sich sehr lange hingezogen; die Series A-Finanzierungsrunde konnte allerdings erst abgeschlossen werden, nachdem die neuen Label-Verträge unterschrieben wurden. In dieser Zeit ging uns zum ersten Mal das Geld aus, wir Gründer konnten uns beinahe ein Jahr lang kein Gehalt mehr ausbezahlen. Das war der Grund, weshalb unser Co-Founder und mein guter Freund Ronny als Familienvater schliesslich aussteigen musste.

An einem schönen Augusttag im Sommer 2013 bekam ich endlich die erlösende Mail von einem grossen Label: Die Lizenzverträge liegen unterschriftsbereit vor! Dem Abschluss unserer grossen Finanzierungsrunde stand also nichts mehr im Weg. Darauf angestossen haben Yannick und ich im kleinen Kreis am Zürichsee mit unserem damaligen Verwaltungsratspräsidenten Marc und unserem Anwalt Karim mit einer Dose Bier. Es war beinahe schon kitschig, wie sich die goldene Abendsonne im See gespiegelt hat :-)

Einen Monat später, am 17. September 2013, war es offiziell: Die Zürcher Kantonalbank, Wilmaa sowie Business Angels investieren insgesamt CHF 2 Millionen in Rayneer! Im neuen Büro an der Hardturmstrasse in Zürich haben wir vollgas gegeben und waren in kürzester Zeit bereit, um Rayneer auch auf Wilmaa aufzuschalten und kurz vor Weihnachten eine grosse Werbekampagne im TV zu starten. Unsere Userzahlen sind auf 100’000 Unique User pro Monat gestiegen, wir haben neue Versionen unserer Android- und iOS-Apps lanciert und unsere Website redesignt.

Trotzdem hat es nicht geklappt. Woran lag es?

Die Gründe

Es ist mit Sicherheit noch zu früh, um sämtliche Gründe zu kennen, warum wir mit Rayneer am Ende doch gescheitert sind. Ich versuche dennoch, die wichtigsten Punkte grob zu skizzieren.

Ende August haben wir überraschend ein Darlehen nicht erhalten, mit dem wir fest gerechnet hatten. Das ist sicher der Hauptauslöser, weshalb das Ende von Rayneer so schnell und nicht geplant gekommen ist. Wir haben in der uns verbleibenden Zeit mit Hochdruck versucht, eine Überbrückungsfinanzierung zu finden, um es immerhin  bis zur geplanten Series B-Finanzierung zu schaffen. Das hat leider nicht funktioniert, wir mussten sämtliche Angestellte entlassen, die Verträge mit den Labels künden und Rayneer schliesslich ganz abschalten.

Zwei Millionen klingen zwar nach viel Geld. In der Tat gibt es in der Schweiz wenige Internet-Startups, die in den letzten Jahren ein grösseres Investment erhalten haben. Im internationalen Vergleich ist es dennoch ein kleiner Betrag. Im Nachhinein wissen wir, dass wir deutlich mehr Geld benötigt hätten. Unsere Labelverträge waren sehr kostenintensiv – auf sie verzichten wäre aber nicht möglich gewesen, sonst hätten wir ja keine Inhalte gehabt. Programmierer sind in Zürich teurer als anderswo – wir wollten aber Rayneer aus der Schweiz aus aufbauen, und wir haben gemerkt, dass Outsourcing der Entwicklung bei uns weniger gut funktioniert. Wir haben viel Geld ins Marketing, hautpsächlich in die TV-Kampagne, investiert. War das ein Fehler? Durch die TV-Kampagne ist unsere Bekanntheit massiv gestiegen, aber war es das Wert? Vielleicht hätten wir besser zuerst andere Werbeformen ausprobiert.

Pro Monat haben wir 100’000 Unique User erreicht. viele davon über die bekannte TV-Streaming-Plattform Wilmaa. 100’000 User pro Monat sind viel für ein junges Startup in einem kleinen Land, wie es die Schweiz ist. Als kostenloses, werbefinanziertes Musikfernsehen waren wir aber davon abhängig, unseren Usern möglichst viel Werbung zeigen zu können, um die teuren Content-Kosten decken zu können. Ein Teil der Zuschauer hat Rayneer aber zu wenig lange genutzt, beispielsweise hatten wir am Sonntagabend um 20.13h jeweils sehr viele Zuschauer, die zwei Minuten Music TV geschaut haben, und dann zum Tatort wechselten. Wahrscheinlich haben wir uns zu früh um die Monetarisierung gekümmert – weil wir zu wenig Geld geraist hatten –  und konnten uns so vielleicht zu wenig um unsere User kümmern.

Insgesamt sind es wahrscheinlich mehrere Gründe, die zusammengespielt haben. Ich werde, sobald ich etwas Abstand gewonnen habe, in der Retrospektive nochmals alles analysieren, um aus unseren Fehlern zu lernen.

Ein riesiges Dankeschön!

Ich möchte an dieser Stelle allen danken, die uns in den letzten vier Jahren unterstützt haben. Ich durfte tolle Leute kennenlernen, mit ihnen zusammenarbeiten und eine gemeinsame Vision umsetzen. Ein besonders grosses Dankeschön geht an alle Mitarbeiter: Anim, Annina, Beni, Chris, Eugénie, David, Georgi, Liliane, Markus, Maxim, Miguel, Piotr, Ray, Robin, Robert, Roger, Ronny, Sebastian, Simao, Tim, Tobias und Yannick. Aber auch all unseren Investoren, die immer an uns geglaubt haben, unseren Partnern, unseren Anwälten, unseren Freunden.

Oliver Flueckiger, CEO & Co-Founder, 30.09.2014

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