book-15584_640

Vom Vorlesungssaal zum Arbeitsplatz

Wie sich herausstellt, habe ich mir mit meinem Uni-Abschluss wohl eher ein Eigentor geschossen. Obwohl ich mein Studium damals als furchtbar anstrengend empfunden hatte, hat mich die Arbeitswelt eines Besseren belehrt. Wenn ich aus heutiger Sicht zurückblicke, war das Studi-Leben etwa so mühsam, wie das Leben eines Säuglings, dessen Hauptbeschäftigung sich auf Nahrungsaufnahme und Nahrungs-Überschuss-Rückgabe beschränkt. Leider erkenne ich den Wert der damaligen Unbeschwertheit erst heute. Folgende Probleme werden auf jeden Ex-Studi zukommen, wenn er den Vorlesungssaal gegen den Arbeitsplatz eintauscht:

Früher:

Der Wecker klingelt. Es ist zehn Uhr in der Früh. Mit Müh und Not stelle ich diese Nervensäge auf Snooze, denn ich brauche dringend noch mindestens fünf bis zehn Minuten Schlaf. Gerade als ich mich wieder kurz vor der Tiefschlaf-Phase befinde, sind zehn Minuten um und der Wecker klingelt schon wieder. An dieser Stelle muss ich meinen Klingelton genauer beschreiben. Ich habe mich für Paul Youngs „Don’t dream it’s over“ als sanfte Aufwachmelodie entschieden. Würde ich mich von einem grässlich kreischenden Peepton wecken lassen, wäre meine Laune für den Rest vom Tag etwa so fröhlich, wie diejenige von Grumpy Cat an Weihnachten. Die Vorlesung beginnt in zwei Stunden und der Weg von mir Zuhause an die Uni dauert mindestens 15 Minuten. Ich kann die Augen nicht öffnen. Also rolle ich semi-komatös über die Bettkante hinaus. Voilà. Geschafft. Ich stehe. Ich muss allerdings erst noch einige Sekunden so stehen bleiben, denn mir wurde ein bisschen schwarz vor Augen. Ich stütze mich also noch rasch an der Wand ab, atme ein paar mal tief ein und aus und setze einen Fuss vor den anderen in Richtung Küche. Bevor ich mich auch nur annähernd auf irgendwelche weitere physischen Anstrengungen einlassen kann, benötige ich zuerst einen Kaffee. Mit dem Kaffee in der Hand schleiche ich wieder zurück ins Bett, damit ich diesen dort konsumieren kann. Ich sehe nicht ein, weshalb ich mich in der Kälte auf einen holzigen, unbequemen Küchenstuhl setzten soll, wenn ich den Kaffee genauso unter der bereits vorgewärmten Decke in der Horizontalen trinken kann. Ich will an dieser Stelle betonen, dass trinken in der Horizontalen kein leichtes Unterfangen ist und man ohne jahrzehntelanger Übung ordentliche Schweinereien riskiert. Also bitte nicht zu Hause ausprobieren, ausser man wechselt gerne jeden Tag seine Bettlaken. Eine Stunde ist inzwischen vergangen. Es ist 11:15 Uhr. Ich bin noch immer im Pijama und die Vorlesung beginnt um zwölf. Also rasch aus dem Bett und rein in die Klamotten. Plötzlich geht alle ganz schnell. Ich habe so lange ein Motivationsproblem, bis ich ein Zeitproblem habe. Kurz ein bisschen Farbe ins Gesicht – Make Up, Puder, Rouge, Mascara und Lippenstift – ich bilde mir ein, dass mich diese Kriegsbemalung gesünder (also besser) aussehen lässt. Ich packe noch rasch meine Tasche, vergesse dabei Laptop, Schreibzeug und alles, was ich für die Vorlesung benötigt hätte und renne aufs Tram. Jeden Tag stehe ich zwei Stunden vor Vorlesungsbeginn auf und komme trotzdem immer zu spät. Aber jetzt bin ich schon zu spät. Was habe ich davon, mir den Kopf darüber zu zerbrechen? Morgen komme ich rechtzeitig. Nach zwei Stunden Vorlesung habe ich die Wahl zwischen der Bibliothek, dem Fitness, oder einem Kaffee mit der Kommilitonin. Eine schwere Entscheidung. Ich wähle den Kaffee.

Heute:
1. Problem Tages-Rhythmus:

Seit vier Wochen klingelt der Wecker nun um sieben Uhr. Ich musste von Paul Young zu Huey Lewis’ „The Power of Love“ wechseln. Ich brauchte einen etwas animierenderen Song, der mich quasi in der Horizontalen zum Tanzen bringt, aber gleichzeitig meine Laune für den kommenden Tag nicht verdirbt. Huey Lewis ist ein Garant für gute Laune. Ich kann ihn jedem empfehlen, der noch nach dem passenden Guten-Morgen-Song sucht. Früher habe ich (natürlich bewusst) keine Vorlesung vor 10:00 gebucht. Ich muss nun zwischen acht und neun Uhr morgens bei meiner neuen Praktikums-Stelle eintrudeln. Ich habe jetzt einen richtigen Job. Da kommt man morgens ins Büro, ist die ganze Zeit da und geht abends um 18:00 Uhr wieder nach Hause. Ausser in meinem Bett habe ich noch an keinem Ort so viel Zeit verbracht. Die ersten zwei Wochen war ich erschlagen von den vielen neuen Eindrücken und vom frühen Aufstehen. Ich falle jeden Abend tot ins Bett, ohne dass ich neben der Arbeit noch irgendeiner anderen Tätigkeit nachgegangen wäre. Die Hobbylosigkeit nimmt zu und sie nagt an meinem Selbstbewusstsein.

2. Problem Bildschirm:

Nicht zu unterschätzen ist, dass ich den ganzen Tag in einen Bildschirm starre. Das verlangt eine Dauer-Anspannung der Augenlider, sodass diese sich nicht schliessen. Jede Vorlesung hätte einen kurzen Happy-Nap erlaubt. Doch in einem Büro mit sechs Leuten würde ein dumpfes Schnarchen rasch auffallen. Ausserdem habe ich, nachdem ich den ganzen Tag in den Bildschirm gestarrt habe, die Schnauze voll von allen möglichen Formen von Bildschirmen. Während ich früher während der Vorlesung hauptsächlich mit dem Handy oder mit dem Laptop gegen die Vorlesung vor mich hin rebellieren konnte und dankbar für diese portablen Ablenkungsformate war, bin ich dieser nun überdrüssig. Wenn ich die Arbeit verlasse, ist mein Handy (hoffentlich/wahrscheinlich) irgendwo in der Tasche und selbst wenn es klingelt und piepst, habe ich keine Lust es hervor zu nehmen. Während ich mich früher während den Pendelfahrten mit Social Media und Online News-Sites beschäftigte, starre ich nun völlig entgeistert zum Fenster hinaus und geniesse die Aussicht auf jeden Plattenbau und jedes vorbeiziehende Fahrrad. Das Wort “geniessen” sollte ich an dieser Stelle genauer kontextualisieren. Geniessen bedeutet normalerweise einen Akt des bewussten Wahrnehmens von Dingen. Dazu bin ich nach acht Stunden Bildschirm-Hypnose nicht mehr in der Lage. Mit geniessen meine ich, dass ich mich in einem Zustand geistiger Abwesenheit, passiv von der Aussenwelt berieseln lasse und die verkrampften Augenlider ohne Einfluss von Gewalt nicht mehr schliessen kann.

3. Problem Nacken:

Auf das Problem Bildschirm folgt unmittelbar das Problem Nacken. Während man an der Uni hauptsächlich auditiv gefordert wird (ich muss dem Dozenten idealerweise mindestens zuhören), kann man den Kopf ungeniert auch mal von der Tischplatte stützen lassen. Am Arbeitsplatz besteht keine Chance den Nacken zu entlasten. Der Kopf muss die ganze Zeit getragen werden, denn die Hände sind an Maus und Tastatur gebunden und der Kopf ist immer geradeaus gerichtet.

4. Problem taubes Gesäss:

An der Uni sass ich maximal 45 Minuten am Stück auf meinem Hintern, bevor es in die Pause klingelte. Ausserdem beinhaltete jeder Gang von einer Vorlesung zur nächsten einen Wechsel der Postleitzahl (Hauptgebäude – Oerlikon – Retour). Heute sitze ich mindestens vier Stunden am Stück und mir sind die Positionen ausgegangen, um zu verhindern, dass mein Gesäss einschläft.

5. Problem geistiges Verkümmern:

Früher sass ich zwei bis maximal sechs Stunden pro Tag neben gleichaltrigen, unbeschwerten, lustigen Studenten mit denen man zwischen durch die Social Skills trainieren und die geistigen Aktivitäten jederzeit ankurbeln konnte. Heute sitze ich mit lauter Spassbremsen in einem Grossraumbüro, jeder starrt auf seinen Bildschirm, verbale Kommunikation wird als veraltet und überwunden betrachtet und ab und zu schreibt man sich per Skype, was das Mittagsmenü in der Mensa beinhaltet.

Abschliessend möchte ich allen Absolventen von ganzem Herzen kondolieren. Dein intellektueller sowie sozialer Zenit hast du nach dem Abschluss erreicht. Der Degenerationsprozess hat nun begonnen, aber dafür hast du endlich ein Plus auf dem Bankkonto.

Bildquelle: http://pixabay.com/static/uploads/photo/2012/02/25/18/42/bored-16811_640.jpg

(c)Eugénie